Berlin (dpa) - Das mit ruhiger Stimme auf Spanisch vorgetragene Super-League-Urteil aus Luxemburg versetzte die alteingesessenen Kräfte im europäischen Fußball in einen Schock.

In nicht erwarteter Deutlichkeit straften die Richter des Europäischen Gerichtshofs die internationalen Verbände UEFA und FIFA für deren Monopolstellung ab. Ein Konkurrenzprodukt zur Champions League muss laut EU-Recht grundsätzlich möglich sein – auch, wenn sich nach der Verkündung gleich wieder großer Widerstand formierte.

Das Urteil ändere «nichts an der Haltung des FC Bayern und an der Haltung der ECA, dass ein solcher Wettbewerb einen Angriff auf die Bedeutung der nationalen Ligen sowie die Statik des europäischen Fußballs darstellen würde», sagte Jan-Christian Dreesen als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern und Vize der mächtigen Club-Vereinigung ECA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Ähnlich äußerte sich BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: «Für Borussia Dortmund gilt völlig unabhängig von den Diskussionen rund um das Urteil: Für eine Super League stehen wir nicht zur Verfügung.» Die Fan-Organisation Football Supporters Europe (FSE) schrieb bei X, es gebe keinen Platz für «eine abtrünnige Super League». 

Das Urteil

Schnell ging es um die Deutungshoheit des Richterspruchs. Die Europäische Fußball-Union verwies darauf, dass das EuGH-Urteil keine «Billigung oder Bestätigung der sogenannten Super League» bedeute. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sagte während einer Pressekonferenz, das bestehende Modell sei sogar gestärkt worden, weil die Verbände in der Zwischenzeit ohnehin ihre Regularien verbessert hätten. Mit bissiger Ironie fügte er an, wer möchte, könne zu jeder Zeit seinen eigenen Wettbewerb spielen.

Das höchste europäische Gericht hatte aber am Morgen entschieden, dass die FIFA und UEFA andere Wettbewerbe nicht grundsätzlich von ihrer Genehmigung abhängig machen und Vereinen und Spielern nicht verbieten dürfen, an diesen Wettbewerben teilzunehmen. Das bedeute allerdings nicht zwangsläufig, dass die Super League genehmigt werden müsse, so die Richter.

Die Regeln, die FIFA und UEFA die ausschließliche Kontrolle über die kommerzielle Rechteverwertung der Wettbewerbe einräumen, würden den Wettbewerb in der EU einschränken. Die FIFA und UEFA würden ihre dominante Marktposition missbrauchen, hieß es im Urteil. Die bislang geltenden Regeln der Verbände seien nicht so ausgelegt, dass sie in jedem Fall transparent, objektiv, nicht diskriminierend und verhältnismäßig seien.

Die Super League

Die Initiatoren der Super League feierten die Entscheidung umgehend als großen Sieg. «Der Fußball ist frei», sagte der frühere RTL-Manager Bernd Reichart für die Agentur A22, die das Projekt vertritt. «Heute beginnt eine neue Ära.» Einer der Kernpunkte der neuen Wettbewerbe sei, dass die Fans alle Spiele «live und kostenlos über eine neue digitale Streaming-Plattform verfolgen» können, heißt es im konkretisierten Super-League-Vorschlag. Im Männerfußball geht es um ein dreistufiges Ligen-System mit 64 Vereinen. Bei den Frauen sollen in zwei Ligen insgesamt 32 Clubs mitspielen.

Als Unterstützer gelten bislang allerdings nur Real Madrid und der FC Barcelona, am Donnerstag kam zunächst kein weiterer Club dazu. «Es gibt Vereine, die sehr interessiert sind», sagte Reichart. Sofort Namen zu nennen, würde aber den Fußball teilen, das sei nicht die Absicht. Ceferin konterte wenig später, er habe die Präsentation des Super-League-Modells gesehen. «Es ist schwer zu entscheiden, ob man geschockt sein soll – oder amüsiert. Weil wir nah an Weihnachten sind, bin ich eher bei amüsiert», sagte der UEFA-Präsident.

Die Gegner

Aus Deutschland werden sich dem Vernehmen nach keine Clubs aus der Deckung wagen. «Die Bundesliga bildet das Fundament des FC Bayern, so wie alle nationalen Ligen das Fundament der europäischen Fußballclubs darstellen. Deshalb ist es unsere Pflicht und unsere tiefe Überzeugung, sie zu stärken, und nicht zu schwächen», sagte Dreesen. «Die Tür für die Super League beim FC Bayern bleibt zu.»

Die Deutsche Fußball Liga teilte mit, sie stehe zum europäischen Sportmodell und lehne «Wettbewerbe außerhalb der von den Verbänden und Ligen organisierten Wettbewerbe ab». Das Urteil sei in der Frage der Grundregeln für die Wettbewerbe nachvollziehbar und zu erwarten gewesen. «Die Rechtmäßigkeit der Super League ist eine separate Frage», teilte die DFL mit.

Die Hintergründe

Vorausgegangen war ein zweieinhalbjähriger (Rechts-)Streit. 2021 hatten zwölf europäische Topclubs schon einmal die große Revolution geprobt. Die Vereine um Real, Barcelona und Juventus Turin gründeten praktisch aus dem Nichts eine Super League – und scheiterten krachend. Der Aufschrei bei Ligen, Fans und der Politik fiel so heftig aus, dass sich die meisten Vereine sofort wieder verabschiedeten.

Doch vor allen Real und Barcelona ließen nicht locker, und die European Superleague Company klagte vor einem Madrider Gericht: Sie warf UEFA und FIFA vor, als Kartell zu handeln, weil sie sich der Gründung der Super League widersetzten und mit Strafen für die Teilnahme an einem anderen Wettbewerb drohten. Dem folgte der EuGH nun größtenteils.