Berlin (dpa) – Es ist eines der dringendsten Themen im deutschen Bildungssystem: der Lehrkräftemangel. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) gibt der Politik nun einen Katalog an Empfehlungen mit, der in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Gutachten für die Kultusministerkonferenz (KMK) am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.

Zwar hätten Universitäten in den vergangenen Jahren einige Maßnahmen zur Studieninformation und zur Sicherung des Studienerfolgs ergriffen, heißt es in der Zusammenfassung des Gutachtens. Die Nachfrage sei aber weiterhin gering und es bestünden hohe Schwundquoten – vor allem in den Mangelfächern. Dazu zählen laut KMK insbesondere Mathematik, Chemie, Physik, Musik und Kunst.

Verlässliche Daten benötigt

Die Expertinnen und Experten kritisieren in dem Gutachten, dass präzise Daten zu Studienanfängerzahlen, aber auch zu Studien- und Ausbildungsverläufen fehlten. Fächerspezifische Prognosen würden ebenfalls nur punktuell vorliegen. Dies sei wichtig für Unis, um Abbrüchen gegensteuern zu können, sagte Olaf Köller Co-Vorsitzender der SWK und geschäftsführender Direktor des IPN – Leibniz-Institut für die Didaktik der Naturwissenschaften und Mathematik.

In dem Papier werden nun elf Maßnahmen empfohlen, zum Beispiel eine bundesweite Werbekampagne zu Zugangswegen in das Lehramt. Außerdem müssten Daten zu Studienanfängern verlässlich erhoben werden, ebenso wie Zahlen für das Ausscheiden aus Alters- und anderen Gründen. Die Expertinnen und Experten schlagen zudem vor, neben dem klassischen Lehramtsstudium mit einem neuen Studiengang einen zweiten Weg in den Lehrberuf zu eröffnen. Auch das Referendariat könne durch eine bessere Verschränkung von Studium und Praxis verkürzt werden.

Qualitätsstandards angemahnt

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch mahnte indes an, den Qualitätsanspruch nicht abzusenken. Der Blick in die Realität der Schulen mache deutlich, dass der Unterricht schon lange nicht mehr ohne Quer- und Seiteneinsteiger möglich sei, sagte Günther-Wünsch. Es gebe einen nicht unerheblichen Anteil an Studenten, die im Bachelor-Studium an Schulen unterrichten – bisher weitestgehend ohne Begleitung, ohne Mentoring, ohne Qualifizierung. Verkürzte Ausbildungen für Ein-Fach-Lehrkräfte oder duale Studiengänge müssten diskutiert werden.

Der Lehrermangel ist eines der aktuell brennendsten Themen in der Bildungspolitik. Im Januar hatte die bei der KMK angesiedelte Kommission, die regelmäßig Empfehlungen für die Bildungspolitik abgibt, ein düsteres Bild gezeichnet: Den Schulen in Deutschland stehe beim Personal noch eine sehr lange Durststrecke bevor, hieß es in einer Stellungnahme. Der Mangel bedrohe die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung und beeinträchtige die Qualität des Unterrichts.

Bei Pisa abgerutscht

Die Debatte steht auch im Schatten von Pisa: Erst diese Woche hatte die Pisa-Studie gezeigt, wie sehr die deutschen Jugendlichen in den Leistungen abgerutscht sind. Die 15-/16-Jährigen aus Deutschland erreichten im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften die schwächsten Leistungswerte, die für Deutschland jemals im Rahmen von Pisa gemessen wurden. Die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Dienstag veröffentlicht wurde, vergleicht die Leistungen in Industrieländern.

Viele Schulen litten unter einem akuten Lehrkräftemangel, gleichzeitig seien die Leistungen der Schülerinnen und Schüler besorgniserregend, sagte Felicitas Thiel, Co-Vorsitzende der SWK und Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität. «Aus internationalen Studien wissen wir, dass die Kompetenzen der Lehrkräfte entscheidend sind für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler.» Deshalb dürften die Anforderungen an den Beruf nicht abgesenkt werden.