London (dpa) – Die Literatur, wie wir sie kennen, wäre ohne diesen Sammelband unvorstellbar. William Shakespeare? Wohl nur ein Name unter vielen, aber nicht der ikonische Dichter, als den wir den britischen Dramatiker kennen. Es ist wohl keine Übertreibung, dass «Folio» – die erste Gesamtausgabe von Shakespeares Dramen – zu den wichtigsten literarischen Werken der Geschichte gehört.

«Ohne das Gewicht der Sammelausgabe – sowohl kulturell als auch wörtlich – würden sich möglicherweise nur wenige Menschen für die erhaltenen Stücke interessieren», betont die Shakespeare-Forscherin Emma Smith von der Universität Oxford.

400 Jahre ist es nun her, dass die Erstausgabe, der «First Folio», erschien, rund siebeneinhalb Jahre nach dem Tod des Dramatikers 1616. Der Originaltitel lautete: «Mr. William Shakespeares comedies, histories, & tragedies.» (Deutsch: Mister William Shakespeares Komödien, Geschichtsstücke und Tragödien). Fachleute datieren den Stichtag auf diesen Mittwoch (8. November). Bereits seit Monaten würdigt das Vereinigte Königreich das Werk seines berühmtesten Literaten, auch König Charles III. und seine Ehefrau Königin Camilla informierten sich in einer Ausstellung.

Erinnerung an einen «würdigen Freund»

«Einen Dienst für den Toten» sollte das monumentale Werk ausüben, hieß es auf dem Titel, «die Erinnerung an einen so würdigen Freund und Kameraden lebendig halten». Es waren sehr wahrscheinlich die Schauspieler John Heminges und Henry Condell, die mit Shakespeare zusammenarbeiteten, die die Werke ihres Kompagnons für die Nachwelt aufbereiteten – und damit auf eine Art und Weise wiederbelebten.

«Shakespeare hat die Art verändert, wie wir sprechen, die Wörter, die wir nutzen, unsere Filme, Bücher, Schlagworte und Memes, die Art und Weise, wie wir denken, verändert – und doch wissen wir sehr wenig über ihn», sagt Suzy Klein von der BBC, die den «Folio» mit einer mehrteiligen Dokumentation würdigt.

Die Hälfte von Shakespeares Schaffen – laut BBC das wohl größte Werk der englischen Literatur – wäre ohne den Sammelband wohl verloren, betont die Jubiläumsseite «folio400.com». Kein «Sturm», kein «Macbeth», «Julius Cäsar» oder «Was ihr wollt».

Da die Originalmanuskripte lange verloren sind, wären einige der berühmtesten Dramen wohl kaum einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. «Sie wären nur Namen», sagte Adrian Edwards von der British Library dem Bücher-Podcast der «New York Times». «Die Leute haben sie sich angeschaut, Menschen haben sie gedruckt, aber wir würden nicht wissen, welchen Text diese Stücke hatten.»

Millionen Dollar für eine Ausgabe

Shakespeare war zu seiner Zeit ein einflussreicher, vermögender und über die sich entwickelnde Kulturszene hinaus bekannter Mann. Mit seiner Schauspieltruppe «Lord Chamberlain’s Men», die sich zu Ehren von König Jakob I. dann «King’s Men» nannte, trat der Dramatiker, der auch immer wieder selbst in seinen Stücken mitspielte, auch am Hof auf. Seine Werke wurden viel gespielt und waren beliebt.

Doch erst mit dem «Folio» wurden sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt. 36 Dramen sind hier zusammengefasst. Gedruckt wurden schätzungsweise 750 Exemplare, rund 230 sollen noch erhalten sein, vor allem in Büchereien, aber auch im Privatbesitz. Vor rund drei Jahren wurde eine Ausgabe für knapp zehn Millionen US-Dollar versteigert.

«Am wichtigsten ist, dass es (ohne «Folio») nicht die kulturelle Ikone geben würde, die wir als ‚Shakespeare‘ kennen», betont Forscherin Smith. «Die erhaltenen Werke wären auf zahlreiche dürftige Frühausgaben verstreut und nicht in diesem imposanten und seriösen Band zusammengefasst.» Frühe Ausgaben von «Romeo und Julia» oder «Henrich V.» würden Shakespeare nicht als Autor erwähnen, seine Urheberschaft wäre nicht geklärt.

Im Gegenzug wäre ohne «First Folio» wohl nicht klar, dass Schauspiele wie «The London Prodigal» oder «A Yorkshire Tragedy» nicht von dem Literaturgiganten stammen – sie sind nicht in dem Sammelband enthalten. «Ohne ihn hätte sich der Kanon von Shakespeares Stücken entscheidend verändert», betont Smith.

Star-Schauspielerinnen wie Judi Dench, die für ihre Darbietung der Queen Elizabeth I. im Hollywood-Film «Shakespeare in Love» einen Oscar gewann, wurden durch die Werke des Barden berühmt. «Sein Verständnis von allem – von Liebe, von Wut, von Eifersucht, Melancholie – wer hat es je besser getroffen?», sagt die 88-Jährige in der BBC-Doku. «Ich wünschte, ich hätte ihn getroffen, oh, ich wünschte, ich hätte ihn getroffen.» Und ihre Kollegin Harriet Walter betonte bei einer Sondervorstellung im Juli: «Ich kann mir eine Welt ohne Shakespeare nicht vorstellen.»